Europas Wiederaufrüstung schreitet voran, und die Frage nach dem Platz von Verteidigungsunternehmen in nachhaltigen Portfolios gewinnt an Dringlichkeit. Hamid Amoura, Head of SRI bei Mirabaud Asset Management, hält eine pauschale Antwort für den falschen Ansatz. Eine differenzierte Prüfung liefert seiner Einschätzung nach oft ein anderes Bild als ein einfaches Ja oder Nein.
Drei Begriffe, die oft verwechselt werden
ESG-Analyse, verantwortungsvolles Investieren und nachhaltiges Investieren werden häufig synonym verwendet, obwohl sie unterschiedliche Dinge bedeuten. Aus Amouras Sicht liegt genau in dieser Vermischung der Grund, dass die öffentliche Debatte über Verteidigungsunternehmen so schnell ins Extreme kippt.
ESG-Kriterien schließen den Sektor weder automatisch aus noch billigen sie ihn pauschal. Sie liefern ein Raster zur Risikoprüfung, das auf zwei festen Grenzen beruht: Kontroverse Waffen sind ohne Ausnahme ausgeschlossen, alle übrigen Unternehmen werden einzeln nach einer festgelegten Methodik bewertet. Wer diese ESG-Prüfung besteht, gilt als anlagefähig. Das bedeutet laut Amoura jedoch noch nicht, dass es sich deshalb um ein nachhaltiges Investment handelt.
Der Sektor ist nicht vollständig ausgeschlossen
Amoura widerspricht der verbreiteten Annahme, dass ESG-Ansätze die gesamte Verteidigungsbranche grundsätzlich ausschließen. Ausgeschlossen wurden traditionell aber kontroverse Waffen: Antipersonenminen, Streumunition sowie chemische, biologische und nukleare Waffen. Grundlage dafür sind internationale Abkommen wie die Ottawa-Konvention von 1997 zu Antipersonenminen und die Oslo-Konvention von 2008 zu Streumunition.
Außerhalb dieses Rahmens zeigt sich ein deutlich uneinheitlicheres Bild. Zahlreiche Firmen entwickeln zivile Technologien in der Luft- und Raumfahrt, der Cybersicherheit, der Kommunikation oder im Industrieanlagenbau. Andere verfügen über breit aufgestellte Geschäftsmodelle, in denen militärische Aktivitäten nur einen Teil des Umsatzes ausmachen. Eine einheitliche Behandlung des gesamten Sektors würde diesen Unterschieden in Bezug auf Geschäftsmodell, Unternehmensführung, Produktpalette und Risikoprofil nicht gerecht. ESG diene in erster Linie dazu, finanziell relevante Risiken einzuordnen, und nicht als moralische Trennlinie zwischen guten und schlechten Branchen, erklärt Amoura. Entscheidend sei nicht, ob Verteidigung als Kategorie akzeptabel ist, sondern ob ein einzelnes Unternehmen die Anforderungen einer klar definierten Methodik erfüllt. Geprüft werden dabei unter anderem das Produktportfolio, der Anteil ziviler und militärischer Umsätze, die Qualität der Unternehmensführung, die Offenlegungspraxis sowie mögliche Verbindungen zu Menschenrechtsverstössen.
Zwei unverrückbare Grenzen
Eine erste, nicht verhandelbare Grenze betrifft kontroverse Waffen. Jedes Unternehmen, das an deren Herstellung beteiligt ist, einschließlich Nuklearwaffen, wird ausgeschlossen. Kein Umsatzanteil und keine noch so gute Unternehmensführung ändern daran etwas.
Eine zweite klare Grenze liegt zwischen dem Bestehen einer ESG-Prüfung und der Einstufung als nachhaltiges Investment. Nationale Sicherheit sei ein legitimes politisches Ziel, so Amoura, und stabile Abschreckung könne zur geopolitischen Stabilität beitragen. Waffenherstellung wird dadurch aber nicht automatisch zu einer Tätigkeit, die ökologische oder soziale Ziele fördert. Eine Nachhaltigkeitsaussage setze einen nachweisbaren positiven Beitrag voraus, und ein bloßer Verzicht auf Ausschluss genüge dafür nicht.
Anlagefähig heißt nicht nachhaltig
Beide Extrempositionen lassen sich laut Amoura kaum begründen. Ein pauschaler Ausschluss der gesamten Branche ignoriert deren Vielfalt, während eine pauschale Einstufung als nachhaltig den Begriff über seine sinnvolle Bedeutung hinaus dehnt. Drei Prinzipien prägen stattdessen den Investmentprozess von Mirabaud Asset Management: Nulltoleranz gegenüber kontroversen Waffen, einschließlich Nuklearwaffen, dokumentierte und regelmäßig überprüfte Umsatzschwellen für konventionelle Rüstungsgeschäfte sowie eine vertiefte Prüfung der Unternehmensführung bei Firmen mit ziviler und militärischer Doppelnutzung.
Laut Amoura muss sich dieser Rahmen im Einklang mit Marktstandards, europäischer Regulierung wie der SFDR und der EU-Taxonomie sowie im laufenden Austausch mit Emittenten weiterentwickeln. Geopolitische Entwicklungen verlangen von nachhaltigen Finanzprodukten eine gewisse Anpassungsfähigkeit, so Amoura. Diese Anpassungsbereitschaft dürfe jedoch nicht so weit gehen, dass die Grundbegriffe neu definiert werden, auf denen die Glaubwürdigkeit des gesamten Ansatzes beruht.
Für Mirabaud Asset Management bleibt die Haltung damit durch zwei klare Grenzen definiert: kein Kompromiss bei kontroversen Waffen und keine Verwechslung zwischen dem Bestehen einer ESG-Prüfung und der Einstufung als nachhaltig. Das Haus positioniert sich bewusst zwischen zwei Extremen, ohne die Substanz seiner Methodik preiszugeben.
Die 1819 in Genf gegründete Mirabaud Gruppe ist auf Wealth Management, Asset Management sowie die Beratung von Unternehmerinnen und Unternehmern spezialisiert. Neben der Schweiz ist sie in Europa, im Nahen Osten, in Kanada sowie mit Standorten in Brasilien und Uruguay auch in Lateinamerika vertreten.









